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Im Klischee vom immer lächelnden Japaner
steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit: Lautstarke Auseinandersetzungen,
heftige Wortgefechte oder gebrüllte Beschwerden gehören
nicht zum Umgangston. Die Auswahl an Schimpfwörtern in der
japanischen Sprache ist beschränkt. Statt sich aufzuregen übt
man die Kunst der Selbstbeherrschung. Harmonie ist das Schlüsselwort
sozialer Interaktion. Der Tokio-Tourist tut gut daran, sich an
dieser Haltung zu orientieren; nur nicht laut werden, auch wenn
etwas schiefläuft, ist die Devise. Tokioter Taxifahrer etwa
können die Geduld bisweilen schon auf die Probe stellen
- ohne jede böse Absicht. Ist die Aussprache nicht ganz
korrekt oder liegt die Betonung auf der falschen Silbe, haben
sie Absicht. Ist die Aussprache nicht ganz korrekt oder liegt
die Betonung auf der falschen Silbe, haben sie mitunter Mühe,
das Fahrziel als japanisches Wort zu identifizieren. Verzweifelt
versuchen sie, hinter den Sinn der vermeintlich ausländischen
Vokabel zu kommen. Langsames und geduldiges Wiederholen hilft
hier, besser noch zückt man einen Stadtplan und zeigt dem
Fahrer das Ziel. In extrem mißliche Situationen wird man
ohnehin kaum geraten - auf die Hilfsbereitschaft und die schon
fast sprichwörtliche japanische Höflichkeit ist Verlaß.
Die Regeln der Etikette, die der Tourist zu beachten hat, sind
weder umfangreich noch schwierig. Die Sitte des Händeschüttelns
ist inzwischen auch in Japan bekannt, doch unter Japanern wenig
verbreitet; am besten, man überläßt die Initiative
dem japanischen Partner. Sympathiebezeugungen wie Schulterklopfen
oder Umarmungen bringen die meisten Japaner eher in Verlegenheit.
Auch direkte Blickkontakte empfinden viele als aufdringlich und
senken lieber den Blick, statt den Gesprächspartner anzusehen
- eine Verhaltensweise, die Ausländer oft genauso falsch
interpretieren wie das Lächeln junger Damen, das keineswegs
als Aufforderung zum Flirt zu verstehen ist.
Um anderen Mißverständnissen vorzubeugen: Wenn in
den Bahnen gerempelt wird, niemand einem die Tür aufhält
und sich keiner um einen gestrauchelten Passanten kümmert,
so steht das nicht in krassem Widerspruch zur oben zitierten
Höflichkeit. Es zeigt nur, daß dem japanischen Verhalten
andere Normen zugrunde liegen. Höflichkeit oder Hilfsbereitschaft
sind hier selten spontan, sondern formalisiert, gruppenbezogen
und hierarchisch strukturiert. Das heißt, wie man sich
zu benehmen hat, hängt von der Stellung innerhalb der eigenen
Gruppe - z.B. der Firma - ab. Der Angestellte muß sich
seinem Abteilungsleiter gegenüber anders verhalten als gegenüber
seiner Sekretärin - Position und Geschlecht diktieren die
Höflichkeitsstufe. Wer nicht zur eigenen Gruppe gehört,
wird in das Ritual einbezogen, vorausgesetzt, seine soziale Stellung
ist bekannt. Hierin hat der Visitenkartenkult Japans seine Ursache:
Ein Blick auf die überreichte Karte gibt Aufschluß,
welcher Grad an Höflichkeit angemessen ist. Denn ein Zuviel
an Zuvorkommenheit ist fast ebenso peinlich wie ein Zuwenig.
Der anonyme Landsmann in der Bahn oder auf der Straße aber
entzieht sich jeder Zuordnung. Einfacher ist es mit den Ausländern:
Schon an deren Äußeren ist deutlich zu erkennen, daß es
sich um Gäste des Landes handelt. Die Einordnung fällt
leicht: Für Gäste und Kunden (okyakusan), die japanische
Sprache macht da keinen Unterschied, gilt das schier unerschöpfliche
Höflichkeitsrepertoire des Dienstleistungssektors. Schwierig
dagegen ist es für Japaner, sich auf die „Direktheit“ vieler
Ausländer einzustellen, die auf ihre Frage ein klares „Ja“ oder „Nein“ erwarten.
Ein abschlägiger Bescheid geht keinem Japaner leicht von
den Lippen. Er wird daher wortreich umkleidet und kommt dem Ausländer
eher wie eine informationslose Sprachwolke vor, während
Zuvorkommenheit ist fast ebenso peinlich wie ein Zuwenig. Der
anonyme Landsmann in der Bahn oder auf der Straße aber
entzieht sich jeder Zuordnung. Einfacher ist es mit den Ausländern:
Schon an deren Äußeren ist deutlich zu erkennen, daß es
sich um Gäste des Landes handelt. Die Einordnung fällt
leicht: Für Gäste und Kunden (okyakusan), die japanische
Sprache macht da keinen Unterschied, gilt das schier unerschöpfliche
Höflichkeitsrepertoire des Dienstleistungssektors. Schwierig
dagegen ist es für Japaner, sich auf die „Direktheit“ vieler
Ausländer einzustellen, die auf ihre Frage ein klares „Ja“ oder „Nein“ erwarten.
Ein abschlägiger Bescheid geht keinem Japaner leicht von
den Lippen. Er wird daher wortreich umkleidet und kommt dem Ausländer
eher wie eine informationslose Sprachwolke vor, während
ein Japaner die negative Botschaft trotz der netten Verpackung
versteht. Auch die beifälligen Ausrufe und das bejahende
Kopfnicken, mit denen in Japan jedes Gespräch untermalt
wird, signalisieren durchaus nicht Zustimmung. „Ich höre
Ihnen zu, bitte sprechen Sie weiter“ - mehr ist damit nicht
gesagt. Eine schmerzliche Erfahrung vieler ausländischer
Geschäftsleute, die Vertragsabschlüsse ob der nickenden
japanischen Partner schon unter Dach und Fach glaubten. Diese
verbale Zustimmung (aizuchi) ist Teil eines umfassenden Harmoniebedürfnisses,
das die zwischenmenschlichen Beziehungen in Japan steuert. Hierzu
gehört auch ein „gutes kimochi“, eine spannungsfreie
Atmosphäre gegenseitigen Wohlwollens. Ein Geschäftsmann,
der schon am ersten Tag seines Aufenthaltes Nägel mit Köpfen
machen will, wird umdenken müssen: Kimochi erfordert eine
Reihe von gemeinsam durchzechten Nächten. |
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