Frische Fische und kaiserliche Glyzinien
Entweder durchmachen - in Roppongi oder anderswo - oder
am Abend zuvor früh ins Bett gehen. Denn der Wecker
klingelt für den Fischmarkt ganz früh. Danach
vielleicht ein herzhaftes Frühstück mit Nudelsuppe
oder gar rohem Fisch?! Der Morgen endet mit einem - nein,
nicht Nickerchen - mit einem beschaulichen Spaziergang
durch den Hamarikyu-Garten. Von dort aus kann es dann weitergehen
- wohin wohl?
Der Stadtteil Tsukiji ist Ergebnis eines großen Landgewinnungsprojektes
unter dem Tokugawa-Shogunat. Die Bevölkerung Edos
wuchs so rapide, daß Mitte des 17.Jhs. dringend neues
Siedlungsgebiet benötigt wurde. So rang man der Mündung
des Sumida-gawa ein Stück Land ab. Beliebt war diese
Wohngegend nie. In der Meiji-Ära, als sich Japan dem
Westen geöffnet hatte, wurden dort Ausländer
angesiedelt, um sie von der japanischen Bevölkerung
zu isolieren. Nach dem großen Erdbeben von 1923 wurde
dann der Fischmarkt von Nihonbashi im Herzen der Stadt
hierher verlegt Auch wenn man früh aufstehen muß,
ein Besuch ist nicht nur ein besonderes Erlebnis, sondern
v.a. auch Anschauungsunterricht in japanischem Alltagsleben.
Fisch und alles, was damit zusammenhängt - vom Fang über
die Zubereitung bis zum Verzehr - sind integraler Bestandteil
der japanischen Kultur.
Das Leben am Markt beginnt bereits gegen 2 Uhr morgens.
Motorisierte Karren transportieren - teilweise in atemberaubender
Geschwindigkeit - den angelieferten Fisch, Austern, Langusten,
Krebse, Hummer, Muscheln und Seetang von den Lkws zu den
Ständen der Händler. Wehe dem, der da im Wege
steht! Um 5 Uhr beginnen die Auktionen mit einem Klingelzeichen,
und zwar an mehreren Stellen gleichzeitig. Ein besonderes
Schauspiel ist die Versteigerung der Thunfische um 5.50
Uhr. Die Großhändler laufen durch die Reihen
von tiefgefrorenen Fischen, heben hier und da mal einen
Fisch mit einem Eisenhaken an und haben mit geübtem
Blick schnell ihr Wunschexemplar ausgemacht. Der Auktionator
steht auf einem kleinen Podest und ruft in einem selbst
für Japaner schwer verständlichen Dialekt die
Fische aus. Die Händler antworten durch Zuruf oder
Handzeichen. Bevor der Zuschauer es realisiert, erfolgt
der Zuschlag. Die Lizenznummern, die die Bieter deutlich
sichtbar an ihren Kopfbedeckungen tragen, werden notiert.
Die schweren Fische werden nun auf kleine Fahrzeuge geladen
und durch das allgemeine Getümmel zu den Läden
der Händler transportiert, die sich gleich neben dem
Auktionsbereich befinden. Dort werden sie portioniert.
Zwischen 7 und 9 Uhr kommen die Einkäufer der Einzelhändler
und Restaurants. Wer selber Fisch kaufen will, sollte erst
nach den professionellen Käufern kommen und ausreichend
Japanischkenntnisse haben, denn hier wird kein Englisch
gesprochen.
Ein Besuch des - blitzsauberen - Fischmarktes wird den
Appetit nicht verderben: Hunger auf ein Frühstück
meldet sich. Was liegt da näher, als in eine der kleinen
Sushi-Bars auf dem Fischmarktgelände zu gehen. Frischer
kann der Fisch nicht sein! Selbst „Sushi-Anfängern“ wird
das zarte Fleisch auf der Zunge zergehen (s. auch S. xx).
Gestärkt kann man sich nun auf den rund 15minütigen
Weg zum
Hamarikyu-Garten (Hamarikyu-teien) machen. Der ‚Garten
der kaiserlichen Villa Hama’ ist ein typisches Beispiel
für die Feudalgärten der Edo-Zeit; die Tokugawa
nutzten ihn als Sommerresidenz. Internationale Aufmerksamkeit
wurde ihm zuteil, als der Meiji-Kaiser hier in einem Pavillon
den amerikanischen Präsidenten Ulysses Grant empfing.
Seit 1946 ist die gepflegte Anlage ein öffentlicher
Park. Mittelpunkt ist ein See mit einer kleinen Insel,
auf die drei von Glyzinien überschattete Brücken
führen. Herrlich ist der Blick, den man von hier auf
die Mündung des Sumida-Flusses, den Hafen und die
Bucht von Tokio genießt.
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